Ein Blick in die Geschichte
Ein Gastbeitrag von Manfred Kraus
Geschrieben von Philippe Bader
Renaissance des Duells zweier Traditionsvereine
Das Gastspiel des achtfachen deutschen Meisters Düsseldorfer EG steht vor der Tür – ein geschichtsträchtiges Duell zweier deutscher Traditionsvereine, das im Allgäu nach Jahren der Abstinenz die Eishockeyherzen höherschlagen und Erinnerungen erwachen lässt.
An mitreißende Partien zu großen gemeinsamen Bundesligazeiten, als der ESVK und die DEG ihre Kräfte auf hohem Niveau maßen. Obendrein aber rückt auch eine enge Verflechtung der beiden Klubs in den Blickpunkt, avancierten doch nicht wenige Kaufbeurer an der berühmten Brehmstraße zu Publikumslieblingen.
Rückblende in die 1960er Jahre, als die Zeiten noch andere waren. Die Düsseldorfer Eislaufgemeinschaft war im Gründungsjahr der 1958 ins Leben gerufenen Bundesliga sang- und klanglos abgestiegen und erst nach sieben Jahren der Flaute und des Zuschauerschwunds ins Oberhaus zurückgekehrt, um dann aber mit Macht alles daranzusetzen, in die Phalanx der bayerischen Eishockeyhochburgen einzudringen. Mit Nachdruck wurden bayerische Spitzenspieler umworben und es ist ein offenes Geheimnis, dass den Neuzugängen nicht nur berufliche Perspektiven, sondern auch die Vorzüge eines großzügigen Umfelds geboten wurden.
Der Weggang eines Eishockeycracks in den Westen kam vor sechs Jahrzehnten allerdings einer Ungeheuerlichkeit gleich. Einem Tabubruch. Die Düsseldorfer Begehrlichkeiten trieben den bayerischen Vereinen die Zornesröte ins Gesicht und sorgten für erhebliche Verwerfungen. Etwa im Isarwinkel, wo sich das Düsseldorfer Werben um Otto Schneitberger und Sepp Reif anno 1964 zu einem handfesten Skandal auswuchs. Die Tölzer liefen Sturm, verweigerten die Freigabe und erwirkten eine achtzehnmonatige Sperre. Abwehrrecke Otto Schneitberger und Flügelflitzer Sepp Reif lagen auf Eis. Sie liefen weder für Tölz noch für Düsseldorf auf. Erst nach einem Jahr und zähen Verhandlungen ließ man die beiden gegen eine Entschädigungszahlung doch noch ziehen.
Auch beim ESV Kaufbeuren, der gerade seine erste große Blüte in der Bundesliga erlebte und sogar dem benachbarten Serienmeister EV Füssen die Stirn bot, klopfte die DEG an. Im Jahr 1966 wurden die Rheinländer beim wieselflinken Torjäger Reinhold Rief, der im legendären Zefixsturm an der Seite von Fredl Hynek und Jo Scholz groß auftrumpfte, vorstellig. Gleich in seiner Premierensaison an der unablässig ausverkauften Brehmstraße feierte der Ripfl mit der DEG und ihren verrückten Fans die vielumjubelte erste deutsche Meisterschaft. „Es herrschte eine unglaubliche Euphorie“, erinnert er sich an die Begeisterung, an die umgetexteten Weihnachtslieder und an die ausgelassenen Gesänge des stimmgewaltigen Publikums. Getrost darf das Düsseldorfer Meisterschaftsjahr als Wendepunkt in der deutschen Eishockeygeschichte angesehen werden.
Schon im Sommer 1967 folgte Edeltechniker Wolfgang Boos, zusammen mit Manfred Hubner und Alfred Lutzenberger im durchschlagskräftigen Kaufbeurer Fohlensturm überaus erfolgreich, dem Düsseldorfer Ruf und vier Jahre später tat es ihm der quirlige Wirbelwind Walter Köberle gleich, um mit der DEG 1972 und 1975 zwei Meistertitel einzufahren.
Viel Wasser ist seitdem die Wertach und den Rhein hinabgeflossen. Die Zeiten haben sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert, der Sport hat sich verändert, das Eishockey hat sich verändert. Spielerwechsel sind längst gang und gäbe und beim ESVK kann man mächtig stolz auf all die Goldstücke sein, die im ganzen Land von seiner berühmten Talentschmiede künden. Gerade auch und vor allem bei der Düsseldorfer EG.
Lang ist die Liste und der Namen sind viele, die sich vom rotgelben ESVK auf den Weg zur rotgelben DEG gemacht haben. Wo anfangen, wo aufhören? Wenigstens ein paar Hochkaräter seien stellvertretend noch genannt. Kaufbeurens Jahrhundertspieler Didi Hegen, der in Düsseldorf ebenso Kultstatus besitzt wie DEL-Rekordtorjäger Patrick Reimer, mittlerweile Sportlicher Leiter bei seinem Heimatverein, zu dem er als Knabe nach den ersten Schritten auf dem Eis des EV Bad Wörishofen kam. Auch dessen Bruder Jochen Reimer, nunmehr Torwarttrainer an der Wertach, und Kapitän Bernhard Ebner haben in Düsseldorf bleibende Spuren hinterlassen. Ihre Wurzeln aber haben sie trotzdem nicht vergessen und nach ihrer Rückkehr ins Allgäu bringen sie ihr Geschick und ihre Erfahrung gewinnbringend beim ESVK ein.
Nun steht auch für sie ein aufregender Tag unmittelbar bevor – die Renaissance Düsseldorfer Gastspiele im Allgäu, wo die DEG zu seligen Bundesligazeiten jahrzehntelang ihre Visitenkarte am Berliner Platz abgab. Dauerbrenner wie Rainer Makatsch, Vladimir Vacatko und der geniale Peter Hejma sind im Gedächtnis geblieben, Kracher vom Schlage eines Dick Decloe, Udo Kießling und Gerd Truntschka auch. Wenn der ESV Kaufbeuren und die Düsseldorfer EG die Klingen kreuzten, versprachen das heiße Eishockeyabende zu werden. Stets ging es hoch her. In der Luft lag knisternde Spannung. Und der Charme des Besonderen, bezogen die Aufeinandertreffen doch immer ihren Reiz auch aus dem faszinierenden Kampf des kleinen Davids gegen den großen Goliath. Nicht selten behielten die Gäste aus dem Rheinland die Oberhand, immer wieder aber mussten sie nach einem leidenschaftlichen Schlagabtausch auch Federn lassen im kleinen gallischen Eishockeydorf an der Wertach.
Wie am 27. Oktober 1992, der beispielhaft beredtes Zeugnis von der Brisanz der Begegnungen am Berliner Platz ablegen soll. Und von der Qualität. Auf beiden Seiten. Düsseldorfs feuriger Trainer Hans Zach geleitete an jenem kalten Dienstagabend sein Staraufgebot mit breiter Brust nach Kaufbeuren. Mit klangvollen Namen gespickt. Helmut de Raaf und Uli Hiemer, Chris Valentine und Peter John Lee, Benoit Doucet und Andi Brockmann. Im Gepäck eine beeindruckende Siegesserie von vierzehn Siegen aus vierzehn Spielen. Sagenhafte 28:0 Punkte zum Bundesligaauftakt. Auf dem Weg zum siebten deutschen Meistertitel, dem vierten in Folge. Saisonübergreifend gar mit sage und schreibe siebenundzwanzig Siegen am Stück. Das Maß aller Dinge im deutschen Eishockey. Unaufhaltsam. Voller Zuversicht. Mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit. Um dann im furiosen Orkan einer Kaufbeurer Mannschaft, die hingebungsvoll ihre Geschlossenheit in die Waagschale warf und mit Urgewalt über den haushohen Favoriten hinwegbrauste, deutlich mit 2:6 baden zu gehen und die erste von schließlich nur fünf Saisonniederlagen einzustecken. An der Bande brodelte der Alpenvulkan. Als Verteidiger Andreas Niederberger für seine Farben zum zweiten Mal traf und damit schon den Endstand herstellte, nahm der gebürtige Tölzer seinen Keeper vom Eis. Zehn Minuten vor Schluss. Bei einem Rückstand von vier Toren. Um mit sechs Feldspielern zu retten, was nicht mehr zu retten war. Der Berliner Platz bebte. Er wurde zum Tollhaus. Und das hingerissene Publikum feierte begeistert seine von Pit Ustorf geschickt angeleitete Mannschaft.
Ein Augenblick ist das aus der langen gemeinsamen Bundesligageschichte des ESVK und der DEG. Nur ein Augenblick. Eine Momentaufnahme. Aber eine schöne. Sie erzählt uns, dass sie zusammen viel erlebt haben, die beiden Rotgelben. Und dass es sich lohnt, an sich zu glauben. Weil sich dann sogar Berge versetzen lassen.
Es ist angerichtet. Zwei Eishockeyhochburgen treffen nach einer langen Zeit des Wartens wieder an der Wertach aufeinander. Kaufbeuren und Düsseldorf, das ist Leidenschaft, das ist eine tiefe Verwurzelung im Eishockeysport, das ist Tradition. Wenn am Freitag die Lichter in der Erdgas-Schwaben-Arena angehen, steht den rotgelben Eishockeyfreunden ein stimmungsvoller Abend ins Haus. Der Blick in die Geschichte liefert das Salz in der Suppe. Vor allem aber geht es natürlich um eines: den Sieg. So einfach ist das. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Der ESVK kann die drei Punkte bestens gebrauchen. Die DEG auch. Ein bisschen Nostalgie darf aber trotzdem mitschwingen und vielleicht weht der Herbstwind vom Berliner Platz auch einen sachten Hauch Romantik herüber.
Text: Manfred Kraus, Autor der beiden Bücher „Augenblicke – Leidenschaft ESVK“ (2012) und „Ein Leben lang“ (2017).
Foto: Benjamin Lahr

