Achtzig Jahre ESV Kaufbeuren

Im Anfang war die Tat

Vor achtzig Jahren wurde der ESV Kaufbeuren aus der Taufe gehoben

© Manfred Kraus

Wir schreiben den fünfzehnten Januar sechsundvierzig. An einem eiskalten Dienstagabend begeben sich fünfundzwanzig junge Leute erwartungsvoll zum Gasthof Engel, um einen Eissportverein zu gründen. Ein kühner Gedanke, doch kommt die Sache tatsächlich ins Rollen, wenngleich die Dinge Mitte der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts keineswegs einfach liegen.

Deutschland hatte soeben das düsterste Kapitel seiner Geschichte hinter, aber noch keine Zukunft vor sich. Es herrschten Not und Elend. Auch in Kaufbeuren. Obwohl die Stadt an der Wertach von den Bombardierungen verschont geblieben war, litten die Menschen unter den drastischen Folgen des Zweiten Weltkriegs. Es grassierte der Hunger und die entbehrungsreichen Zeiten gerieten zum nackten Überlebenskampf. Die Schulen blieben geschlossen, Lebensmittel gab es nur auf Zuteilungsmarken, es fehlte an allen Ecken und Enden am Nötigsten. Ernst war die Stimmung und Aussichtslosigkeit hatte sich der Hoffnung bemächtigt. Wohin man auch schaute, darbten die Menschen auch in der Stadt an der Wertach, auf die sich überdies ein riesiger Strom heimatvertriebener und geflüchteter Menschen aus dem Sudetenland zubewegte.

Überdies war eine Versammlung alles andere als selbstverständlich, denn das Allgäu gehörte zur amerikanischen Besatzungszone und nicht nur zu derlei Absichten musste die Militärregierung ihre Zustimmung erteilen. Es herrschte ein striktes Versammlungsverbot. Jegliche Zusammenrottung von Menschen war strengstens untersagt. Die Amerikaner aber begegneten der Eishockeyverrücktheit mit Wohlwollen. Sie gaben grünes Licht und standen auch fürderhin hilfreich zur Seite.

Die ausgezehrten Burschen, die auf dem Eisweiher in Ermangelung eines Pucks auf ihren Schraubendampfern bisher einer alten Schuhcremedose hinterhergejagt waren, zählten bei der Gründungsversammlung durchweg noch keine achtzehn Jahre. Sie konnten aber den bereits erwachsenen Georg Leitner, dessen Eltern den Gasthof Engel betrieben, zur Übernahme der Vorstandschaft überreden. Und der Lotsch sollte sich als Glücksgriff erweisen, setzte er sich doch tatkräftig für den neuen Verein ein und hielt den Laden zusammen.

„Auf der Gründungsversammlung herrschte eine Art Aufbruchstimmung und wir alle verspürten ein Hochgefühl“, erzählte mir Fritz Sturm, der im Februar 2020 als letzter jener Männer der ersten Stunde von uns gegangen ist. „Unsere ganze Leidenschaft gehörte dem Eishockey. Es hat uns sehr geholfen und über manche Not hinweggetröstet.“

Wohl ahnten die blutjungen Gründerväter des Eissportvereins Kaufbeuren an jenem Abend im Engel nicht, dass sie einen bedeutenden Beitrag leisteten, um die von den Kriegswirren verschüttete Zukunft wieder ein Stück weit ans Licht zu holen, und das historische Ausmaß ihres Tuns sahen sie bestimmt ebenso wenig voraus, vom Zauber des Anfangs beseelt aber waren sie ganz gewiss.

Der ESVK war gegründet und alsbald stand auch eine Mannschaft. Mit der Montur war es allerdings noch nicht allzu weit her. Kein Helm. Kein Schulterschutz. Kein Knieschutz. Im Grunde überhaupt keine Schoner. Dafür die Glacéhandschuhe der Großmutter, das ausgebleichte Dress der Handballer und selbstgenähte Skihosen.

Dürftig war die Ausrüstung und auf das Einfachste beschränkt das Leben, hingebungsvoll aber die Einsatzbereitschaft. Voller Begeisterung wurde gebaut, genagelt und gehämmert, sodass alsbald eine Eisbahn mit einer niedrigen Bande aus gespendetem Holz entstand. Auch zwei Tore wurden zusammengenagelt. Bescheiden, aber ein Anfang. Darauf ließ sich aufbauen. Und auf der Leidenschaft, auf dem Ehrgeiz, auf dem Zusammenhalt. Man darf die Vergangenheit nicht verklären. Dafür war sie zu hart, dafür hat sie den Menschen zu viel abverlangt. Es beeindruckt aber, was auf die Beine gestellt wurde. Trotz aller Not, trotz aller Hürden, trotz aller Erschwernisse.

Die ersten Spiele standen an. Noch im Februar 1946 erkämpften sich die Kaufbeurer Grünschnäbel auf dem Faulenbacher See ein vielbeachtetes 3:3 bei der Füssener Jugendmeistermannnschaft, in deren Reihen nicht nur Xaver Unsinn und Markus Egen wirbelten. Auch beim umgehend arrangierten Rückspiel gelang auf dem heimischen Jordanweiher ein Unentschieden mit demselben Ergebnis, ehe es zum dritten Spiel nach Oberstdorf ging.

Ein Gänsehaut hervorrufender Vorfall aus diesem ersten Heimspiel der Vereinsgeschichte veranschaulicht die Zeitumstände. Lauschen wir dazu noch einmal Gründungsmitglied Fritz Sturm: „Als der Puck über die niedrige Bande geschlenzt wurde, wollte Xaver Unsinn diesen wieder zurückholen. Der Eisweiher hatte aber warme Quellen und der Xaver fiel in ein Eisloch. Er versank bei strengem Frostwetter fast bis zum Hals im eiskalten Jordanweiher. Er war halbgefroren und wir tauten ihn im Gasthaus Bad wieder auf, sodass er im letzten Drittel wieder für Füssen spielen konnte.“

Obwohl die Menschen der Schuh an allerlei Stellen drückte, wurde der Mannschaft um Fritz Sturm, Luggi Schuster und Sepp Wannemacher große Aufmerksamkeit zuteil. Der neugegründete Eissportverein wurde im Nachkriegskaufbeuren offensichtlich als Lichtblick wahr- und als Bereicherung angenommen. Viele Zuschauer besuchten die Spiele und die provisorischen Schneeränge waren stets dicht besetzt.

Anekdoten prägen das Bild der Anfangsjahre – etwa jene vom heimatvertriebenen Gisbert Thamm, der einmal in langen Unterhosen auflief, von den durchwachten Nächten, als man abwechselnd Eis spritzte und Schafkopf spielte, von der Fahrt bei fünfzehn Grad Frost auf der offenen Ladefläche eines amerikanischen Lastwagens zum Training nach Füssen, von der überstürzten Flucht in voller Montur aus Weßling, wo die Zuschauer den aufstiegsentscheidenden Kaufbeurer 6:5-Sieg nicht verkraften konnten, von einem kleinen Bier und einer Scheibe Pressack als Aufstiegsprämie, von einem mächtigen Eisberg, den man tagelang wieder wegpickeln musste, nachdem man zum Eismachen einen Wasserschlauch an zwei Holzschragen gebunden hatte, um frühzeitig ins Bett gehen zu können, von Heinz Krikorka, den die Zuschauer wegen seines selbstgebastelten Schulterschutzes für bucklig hielten.

Schon bald wurden die sportlichen Ambitionen größer, die Spiele ernsthafter, die Gegner schwerer, die eigenen Erwartungen anspruchsvoller. Auch die Wälle um die Eisbahn wuchsen. Schließlich waren sie imstande, Tausende von Menschen aufzunehmen. Das Abenteuer hatte begonnen.

Einstweilen aber standen die Aufeinandertreffen mit den Konkurrenten aus Miesbach, Straubing, Ziegelwies, Holzkirchen und den als Haudegen gefürchteten Weßlingern noch sichtlich unter dem Einfluss des Wetters, sollte Kaufbeuren die Revolution eines für den Trainings- und Spielbetrieb segensreichen Kunsteisstadions mit Holztribünen doch erst 1958 erleben. Die Tücken des Natureises konnten indessen nicht verhindern, dass sich das Kaufbeurer Eishockey prächtig entwickelte. Schon 1952 gelang der Aufstieg in die Landesliga, die zweithöchste Spielklasse überhaupt. Im Laufe der Jahre kamen nach und nach starke Spieler hinzu. Kapitän Fritz Medicus. Torjäger Fredl Hynek. Vom SC Ziegelwies die Gebrüder Walter und Gusti Schaudeck.

Im Jahr 1956 gelang gar der Sprung in die höchste deutsche Spielklasse. Binnen zehn Jahren hatte sich der junge Eissportverein Kaufbeuren Stück für Stück bis ganz nach oben gekämpft und in der Oberliga Süd sollte er nun auch im Punktspielbetrieb auf die Besten des Landes treffen – den SC Riessersee, den EC Bad Tölz und auch wieder auf den SC Weßling, insbesondere natürlich aber auf den benachbarten deutschen Serienmeister EV Füssen, der seine Übermacht auf berühmte Spieler vom Schlage eines Xaver Unsinn, eines Paul Ambros und eines Markus Egen gründete. Das aber ist schon wieder eine andere Geschichte.

Kaufbeuren ist eine Eishockeystadt, der ESVK ein Verein zum Spüren, seine Gründerzeit ein Vermächtnis.

Die Kaufbeurer Urmannschaft des Jahres 1946: Max Amann, Hermann Geg, Heinz Krikorka, Georg Leitner, Franz Maurer, Max Mayer, Walter Mayer, Helmut Posselt, Albrecht Schmid, Gerhard Schmid, Luggi Schuster, Fritz Sturm, Sepp Wannemacher * ab dem Winter 1947 Joschi Androsch, Anderl Karg, Bruno Pfeifer, Gisbert Thamm * Vereinsvorstand: Georg Leitner

© Text: Manfred Kraus, Apfeltrach

Das Foto stammt aus dem Archiv der Familie Schuster und zeigt die Kaufbeurer Eishockeypioniere Max Amann, Max Mayer, Anderl Karg, Gerhard Schmid, Fritz Sturm, Luggi Schuster, Joschi Androsch (stehend von links), Bruno Pfeifer, Heinz Krikorka und Sepp Wannemacher (kniend von links) im Winter 1947/48.